Moses – Jenseits des Regenbogens

Die #Rainbow #Refugees (zu ihrer Seite) sind eine #Initiative ehrenamtlicher #Helfer in #München. Hier finden #Geflüchtete mit einem #LGBTI-Hintergrund eine wichtige Anlaufstelle für die #Beratung rund um die Themen #Flucht, #Migration, #Asyl und #Integration. Ein wichtiges Element der Initiative ist das #Mentoringprogramm. Zahlreiche ehrenamtliche #Mentoren aus der Münchner #Szene übernehmen hier Verantwortung für einen oder mehrere Mentees. Sie helfen z.B. beim Verständnis von Behördenschreiben oder bereiten mit auf #Anhörungen vor. Am wichtigsten aber ist, dass die Mentees hier einen Ansprechpartner und #Freund finden, der auch ein offenes Ohr für LGBTI-Themen hat. Im folgen-den Text schreibe ich über mein #Engagement im Programm und über meine wertvollen #Erfahrungen mit meinem #Mentee. Der #Text entstand im Rahmen eines #Filmprojekts von #queerelations (zur Projektseite). Für die #Bilder danke ich meiner guten Freundin, der Fotografin Sabine Jakobs (zu Ihrem Studio).

Mein Freund und Mentee, über den ich berichte, heißt Moses. Er hat viel mehr als nur den Namen mit der biblischen Figur gemein. Auch mein Mentee musste seine Heimat verlassen, in seinem Fall Uganda. Und auch er musste sich auf der Suche nach Sicherheit und Freiheit mit Deutschland eine neue Heimat suchen. Moses wurde in seiner Heimat von einem homophoben Mob verfolgt und fast umgebracht. Dabei war sein einziges Vergehen seine Liebe. Wie ich liebt Moses Männer, ist schwul und in seiner alten Heimat Uganda somit ein Verbrecher vor dem Gesetz und ein unwürdiger Sünder in den Augen der christlichen Gemeinde. Auch seine eigene Mutter lehnt sein Schwulsein ab. Damit nicht genug, denn in Uganda offen schwul zu sein, bedeutet nicht nur soziale Ächtung, sondern es bedeutet eine ständige Gefahr für Leib und Leben.

Ich mag die auch in Deutschland noch spürbaren, an einigen Stellen wieder zunehmenden Probleme mit Homophobie gar nicht herunterspielen. Doch sind unsere Probleme kaum vergleichbar mit dem, was die LGBTI Community in Uganda erlebt. In Deutschland dürfen wir stolz darauf sein, dass wir uns eine starke, politische, selbstbewusste und weitgehend auch respektierte Community er-kämpft haben. Auch wenn hier noch einiges fehlt, so haben wir doch verbriefte Rechte, so zu leben und zu lieben, wie wir es wollen. Vielleicht ist Einiges an diesen Rechten für uns inzwischen ein wenig zu selbstverständlich geworden. Unter anderem ist das daran zu sehen, dass bei Events wie dem CSD die (ebenfalls wichtige) Party der viel wichtigeren politischen Botschaft die Show gestohlen hat. Sehr bewusst wurde mir das durch einen Satz von Moses:

„Ich habe hier eine neue Heimat gefunden. Ich kann immer noch nicht ganz glauben, dass ich hier mit meinen Freunden ganz offen tanzen, trinken und dann sicher nach Hause gehen kann, dass einem niemand folgt und die Tür zu Hause eintritt.“

Genau das ist Moses in Uganda geschehen. Ein schwulenfeindlicher Mob beobachtete ihn und seinen Freund über längere Zeit. Als sie sich ihrer Sache sicher waren, folgten Sie dem Paar zur Wohnung, traten deren Tür ein und prügelten Moses und seinen Freund halb tot. Glück im Unglück war, dass ein Local Council Leader (eine Art Stadtrat) vom Lärm angezogen, dem Mob Einhalt gebot. Während Moses Freund danach entkommen konnte, blieb er selbst mit einem gebrochenen Bein und blutenden Wunden zurückgelassen. Sein Leben war den Gewalttätern schlicht egal.

In Deutschland würde man selbstverständlich die Polizei und einen Krankenwagen holen. Man würde verarztet, eine Zeugenaussage würde aufgenommen und man würde versuchen, die Täter zu fassen und einer mehr oder minder gerechten Strafe zuzuführen. In Uganda ist das undenkbar. Die Polizei hätte nicht die Täter, sondern das Opfer verfolgt und hinter Schloss und Riegel gebracht. Und selbst das Krankenhaus wäre nur ein Umweg von verweigerter Behandlung, über die sofort von den Ärzten informierte Polizei ins Gefängnis. In Haft wiederum wäre Moses Leben Tag für Tag von Wärtern und Mitinsassen bedroht. Schwule sind in deren Augen keine Menschen und haben keine Rechte, kein Recht auf Leben.

Also schleppte sich Moses zu einer kleinen Klinik und wird dort anonym und notdürftig für Geld, das er als Straßenverkäufer eigentlich nicht hat, versorgt. Nicht einmal an seine Familie, an seine eigene Mutter kann er sich in dieser Notsituation wenden. Auch ihr ist das Schicksal ihres schwulen Sohnes egal.

Wem will man es nach dieser lebensbedrohenden Situation verdenken, dass er seine Heimat, die vielleicht gar keine mehr ist, verlässt? Für mich ist das eine rein rhetorische Frage. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge allerdings muss diese Frage rechtlich beantworten. Ich weiß nicht, wie es dem Leser an dieser Stelle geht. Für mich bestand nach Moses Erzählungen kein Zweifel an einem berechtigten Asylgrund. Schließlich steht es so auch auf der Webseite dieser Behörde:

„Asylberechtigt und demnach politisch verfolgt sind Menschen, die im Falle der Rückkehr in ihr Herkunftsland einer schwerwiegenden Menschenrechtsverletzung ausgesetzt sein wer-den, aufgrund ihrer Rasse (der Begriff „Rasse“ wird in Anlehnung an den Vertragstext der Genfer Flüchtlingskonvention verwendet), Nationalität, politischen Überzeugung, religiösen Grundentscheidung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe (als bestimmte soziale Gruppe kann auch eine Gruppe gelten, die sich auf das gemeinsame Merkmal der sexuellen Orientierung gründet),(…)“

Das Wörtchen „kann“ in Klammern eröffnet den Sachbearbeitern einen Entscheidungsspielraum, der immer wieder zu geradezu aberwitzigen Ablehnungsbescheiden führt. Fast zynisch klingt es, wenn man in den Begründungen Dinge liest wie, eine direkte Gefahr für Leib und Leben der Geflüchteten sei nicht erkennbar, weil nicht glaubhaft dargestellt. Als junger, gesunder Mann könne er in einem wirtschaftlich aufstrebenden Land, wie es Uganda ja sei, gut seinen Lebensunterhalt bestreiten. Seine Homosexualität sei den Behörden nicht bekannt, da er nach dem beschriebenen Vorfall keine Anzeige erstattet habe. Unter Geheimhaltung der Homosexualität sei ein weitgehend unbeschwertes Leben in Uganda durchaus möglich und zumutbar. Weiter gebe es in Uganda inzwischen eine wachsende LGBTI-Szene und auch der Pride Day sei einmal öffentlich zelebriert worden.

Dass aber die Hälfte der „wachsenden“ LGBTI-Szene im Gefängnis sitzt und der Pride Day quasi ungeschützt offener Gewalt ausgesetzt war, wird mit keinem Wort erwähnt. Um eine Ahnung davon zu bekommen, was Schwule (sowie alle LGBTI) an Verfolgung, Schmähungen, Demütigungen und offener Gewalt ertragen müssen, braucht man gar nicht weit in homophobe Länder zu fahren. Auch bei der Unterbringung hier wird in den wenigsten Fällen auf das Thema Rücksicht genommen. Leider kommt es immer wieder vor, – auch das muss und will ich hier ganz offen ansprechen – dass aus anderen Ländern und aus anderen Gründen Geflüchtete ihre Homophobie mitbringen und diese nicht überwinden. Ganz egal, ob das nun an mangelnder Aufklärung, fehlenden Kapazitäten für eine entsprechende sensibilisierende Sozialarbeit oder einfach an persönlichem Unwillen liegt. Im Ergebnis werden bereits traumatisierte Flüchtlinge hier erneut verspottet, gequält und gemobbt.

Umso wichtiger ist es für uns als LGBTI Community, dass wir uns solidarisch mit den Rainbow Refugees zeigen, dass wir solidarisch handeln und helfen. Die Übernahme einer Mentorenschaft auf Augenhöhe, wie bei mir und Moses ist dabei eine sehr sinnvolle Möglichkeit. Es gilt, unseren Schwestern und Brüdern zu zeigen, dass sie hier einklagbare Menschen- und Bürgerrechte haben, dass wir als Szene stark und wehrhaft sind.

Im positiven Sinne geht es beim Mentoring zudem einfach darum, den Mentees einen Einblick in unsere Szene zu geben. Unser Mix aus LGBTI- und westlicher / deutscher Kultur ist nämlich alles andere als selbsterklärend. Wie spricht man jemanden an? Wo geht man hin, um zu tanzen oder mit jemandem zu trinken? Und ja, es geht auch um Themen der gelebten Sexualität, von Safer Sex über Dating Apps bis zur Männersauna.

Ich denke, dass von diesem Engagement nicht nur die „Rainbow Refugees“ profitieren. Ich selbst lerne durch den Austausch mit Moses und meinen drei anderen Mentees ganz viel dazu. Ich sehe unsere Kultur im Allgemeinen und unsere Szene im Besonderen mit neuen Augen. Ich begreife mehr und mehr, dass es nicht selbstverständlich ist und dass es umso wichtiger ist, eine bunte und lebendige Szene zu haben und zu erhalten. Gerade vor diesem Hintergrund ist der Christopher Street Day für mich wieder mehr Politik als nur Party.

Das Wichtigste allerdings ist, dass ich mit meinem Engagement im Mentoringprogramm keine „Flüchtlinge“ betreue, sondern dass ich so neue, mir liebe Menschen, neue Freunde und neue Kulturen kennenlernte. Und dabei musste ich München nicht einmal verlassen 😉

Die Geschichten von Moses und die meiner anderen Mentees machen mich traurig und wütend zugleich: Traurig, weil ich ihnen nach wie vor ansehe, dass sie trotz aller neuen Freiheiten ihre Heimat vermissen und weil ich als Mentor hautnah miterlebe, wie schwierig es ist, sich unvorbereitet in einem neuen Land zurechtzufinden. Ich bin sehr froh, wenn ich ihn dabei ein wenig unterstützen kann. Wütend machen mich die Entscheidungen des BAMF, die ich nicht einmal annähernd nach-vollziehen kann. Sie verharmlosen, ja verhöhnen geradezu die traumatischen Erlebnisse von Moses und aller LGBTI-Flüchtlinge. Sie nehmen billigend in Kauf, dass Menschen wieder zurück in die Folter und die Gewalt geschickt werden.

Umso mehr freue ich mich, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich hier ehrenamtlich (und beruflich) für Refugees engagieren. Und mich freuen Dinge, wie dass z.B. Moses hier einen neuen festen Freund gefunden hat sowie einen Job mit Perspektive. Er arbeitet als Altenpflegehelfer in einem Heim. Und diesen Weg will er später mit einer Ausbildung weitergehen. Müsste Deutschland nicht eigentlich dankbar sein, dass Menschen wie Moses hier sind und in Bereichen arbeiten, die händeringend nach Fachkräften suchen? Und das ganz unabhängig davon, woher und warum er nach Deutschland gekommen ist?

Zu Recht hat sich Moses einen Anwalt genommen, der gegen diesen negativen Asylbescheid vor-geht. Und ich wünsche mir nichts mehr, als das Moses sein Recht bekommt und er in Deutschland bleiben kann. Denn nichts hat sich mehr in meinen Kopf eingebrannt wie sein Satz:

„If I have to go back I am going to die.“

 

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